Wenn Menschen an etwas maßgeblich mitgearbeitet haben, ist es ein Stück weit ihr eigenes Baby. Solche Ergebnisse werden verteidigt, auch wenn sie noch nicht perfekt sind. Für Vorgaben kämpft niemand, die werden abgearbeitet.
In der Verhaltensforschung ist das gut untersucht. Die Forscher Norton, Mochon und Ariely haben 2012 gezeigt, dass Menschen Dinge, die sie selbst gebaut haben, höher schätzen als Dinge, die andere gemacht haben, selbst wenn sie nur einen Teil beigetragen haben. Benannt haben sie den Effekt nach dem Möbelhaus, bei dem man alles selbst zusammenschraubt. In Innovationsabteilungen kennt man das Gegenstück als Not-invented-here-Syndrom: Was woanders erdacht wurde, hat es schwer, egal wie gut es ist.
Für Veränderungen heißt das: Eine Lösung, die Menschen mitentwickelt haben, muss man ihnen nicht verkaufen. Sie tragen sie selbst in ihre Teams, erklären sie den Kolleginnen und Kollegen und verteidigen sie, wenn es schwierig wird.
Das funktioniert allerdings nur unter einer Bedingung. Die Beteiligten müssen merken, dass ihr Beitrag etwas bewirkt hat. Wenn am Ende ein Ergebnis steht, in dem niemand seine Handschrift wiederfindet, bleibt vom Effekt wenig übrig. Deshalb gestalte ich Prozesse so, dass die Beiträge bis ins fertige Ergebnis sichtbar bleiben.
Der Effekt hat auch eine Kehrseite: Man neigt dazu, die eigene Arbeit zu überschätzen. Deshalb gehören Tests und der Blick von außen immer dazu. Mehr dazu weiter unten bei „Die Lösung muss erlebbar sein, bevor sie fertig ist“.
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Aus Widerstand wird Energie
Widerstand heißt erst einmal, dass jemandem etwas wichtig ist. Menschen wehren sich selten aus Prinzip. Meistens sehen sie etwas, das in der Planung fehlt: ein Risiko, eine Abhängigkeit, einen Ablauf im Alltag, den niemand bedacht hat.
In vielen Vorhaben läuft es trotzdem so: Erst wird geplant, dann verkündet, dann kommt der Widerstand, und dann wird versucht, ihn zu überwinden. Die Einwände kommen damit genau zu dem Zeitpunkt, an dem sie am teuersten sind. In Woche zwei kostet ein Einwand eine Diskussion. In Monat vierzehn den Umbau.
Wer den Widerstand früh in den Raum holt und mit ihm weiterarbeitet, bekommt oft die besten Hinweise des ganzen Prozesses. Aus „Ja, aber …“ wird dann ziemlich häufig „Ja, und damit das klappt, brauchen wir …“. Die Energie, die vorher in die Abwehr ging, fließt in die Lösung.
Das gelingt nicht immer. Wo echte Interessen gegeneinanderstehen, löst auch der beste Prozess den Konflikt nicht auf. Die Beteiligungsforschung ist da nüchtern: Interessengegensätze lösen sich durch Beteiligung nicht einfach in Konsens auf, und Gegner einer Maßnahme mobilisieren oft stärker als ihre Befürworter. Dann hilft Co-Creation, den Konflikt offen und fair auszutragen, und die Entscheidung trifft am Ende, wer sie treffen muss.
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Keiner hat das ganze Bild
Sobald eine Veränderung mehr als eine Abteilung betrifft, liegt das Wissen darüber verteilt. Bei den Anwohnerinnen, dem Fachamt und dem Verein von nebenan. Bei den Mitgliedern, dem Aufsichtsrat und den Mitarbeitenden. Bei Kunden, Lieferanten und Partnern. Jeder sieht einen Teil, den die anderen nicht sehen. Das Fachamt kennt die Vorschriften, die Kollegin an der Kasse weiß, woran es im Alltag hakt, und die Menschen im Quartier wissen, welche Wege sie tatsächlich gehen.
Diese Menschen sitzen im Normalfall nicht mit am Tisch. Manches Wichtige wird deshalb nie gesagt, manches an einer Stelle, an der es niemanden erreicht. Und manches sagt jemand bewusst nicht mehr, weil es beim letzten Mal keine Rolle gespielt hat.
Kommen diese Teile nicht zusammen, plant man mit halben Informationen. Das merkt man leider oft erst in der Umsetzung, wenn Änderungen teuer werden. Kommen sie zusammen, wird die Lösung einfach besser. Sie passt zu denen, die sie am Ende nutzen oder leben sollen, und sie hält auch dem schwierigen Fall stand, weil die Menschen, die ihn kennen, im Raum waren.
Wenn ich in vielen Jahren eine Sache gelernt habe, dann diese: Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas am Ende funktioniert, steigt rapide, wenn möglichst alle relevanten Perspektiven von Anfang an einbezogen werden.
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